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- Jubel für Orchester und Solisten in der Lutherkirche -

Finalapplaus, sieben Minuten bis zur Wiederholungszugabe, Begeisterung aus voller Lutherkirche, denn das Schulkonzert hatte Niveau, spielte mit Klassik und Romantik gegen mancherlei zeitgeistige Unterhaltungsbequemlichkeit an, diente jenen freien Musen, die manche bedenklich finden mögen, weil sie mit elitärem Fleiß auf einem Sozialolymp sich allerlei Kunstluxus leisten – und auch noch Griechen sind. Aber wer hinhörte, entdeckte: Suso-Sinfoniker pflegen keine Klassiker-Entrücktheit, sondern erzählen auch die „West Side Story“, die 56 Orchesterspieler sind eine humane Gesellschaft, keine elitäre Götterzunft, sie bieten Kunst nicht als Luxus, sondern als entlastendes Spiel, weltoffen, nicht abendländisch verengt. Der letzte Satz hieß „America“.

Michael Auer beherrscht außer der Noten- auch die Erziehungskunst, trotz schnellem Jahrgangswechsel immer wieder ein philharmonisches Spielfeld zu besetzen. Das Orchestrale: Schumanns „Ouvertüre“ op. 52 lockte ins Romantische: Gefühlvoll stieg und fiel das leise Zwei-Takte-Motiv, Unheimliches ließ der Septakkord der Bässe ahnen, Spannung war da. Das Allegro hatte rhythmische Lebendigkeit und später etwas gemütliches Biedermeier. Die Geigen agierten melodisch, die Holzbläser farbintensiv, das Blech dynamisch, das Schlagwerk wohldosiert. Noch vielfältiger in allen Nuancen gelang die letzte (104.) Haydn-Sinfonie. Mit Temperament und klangfarbiger Fülle wurde schließlich Bernsteins Musicalmedley zum Finalfest mit Harfenklang, Bläserlied, Streichermelos, Schlagwerkimpulsen.

Die Solisten: Julie Linzer gab Mozarts Flöten-Allegro galante Grazie, dem Moll edle Empfindsamkeit, der Kadenz heiteres Spiel. Das Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert blies Hannah Beck mit fein modulierten Tönen, sanfter Tiefe (wie Bassetthorn weich), schönem Legato, guter Balance zwischen Themen und Ornamenten. Ernster wurden die Klänge in Max Bruchs „Kol Nidrei“ (jüdisches Versöhnungsgebet), das Inga Paping mit sehr melodisch gestimmtem Celloklang musizierte. Wunderbar gelang der Kontrast von stiller Meditation und frohem Ausdruck mit Dur und Harfenspiel. Es war, als hätten die Solisten eine Steigerung des Virtuosen verabredet. Denn nach Bruchs Gebet kam ein Concertino der Spätromantikerin Chaminade: Der Flötist Felix Hagemeister ließ das mit chromatischen Finessen, Läufen, Arpeggien geschmückte Opus mit allen Köstlichkeiten zum flinken Flötenfest werden.

Maximilian Hörmeyer (einst Suso, jetzt preisverwöhnt bis nach Shanghai) geigte Sarasates „Carmen“-Fantasie“ mit hochmusikalischer Artistik. Mit Doppelgriff-Flageolett, Arco-Pizzicato-Mix oder klangsinnlichen Oktaven-Arie konzertierte Bizets feurige femme fatale überzeugend. Können, Spiel, Konzentration, Musenlust, selbst das Schlagzeug widerlegte das Vorurteil, Schulen seien pure Paukanstalten.

Helmut Weidhase, Südkurier, Mai 2010